Dennoch: Die Substanzlosigkeit der BON JOVI-Veröffentlichungen der letzten 20-25 Jahre ändert nichts an der Klasse der BON JOVI-Alben bis 1995.
Ohne Frage: Slippery When Wet, New Jersey und das großartige Comeback Keep The Faith sind die bekanntesten Alben von BON JOVI. Aus der AOR-Perspektive sind ihre Anfangsjahre (Bon Jovi und 7800 Fahrenheit) dennoch bedeutender. Zudem sind diese für mich persönlich die spannendsten, ehrlichsten und einfach die besten Jahre der Band.
Damals, anno 1984-1985, bestanden BON JOVI (noch) nicht aus dem Hauptprotagonisten plus Richie Sambora plus 3 Mitmusikern, sondern aus fünf gleichberechtigten Bandmitgliedern, die das Songwriting und den Bandsound mitgestalteten. Damalige Songperlen wie ‚Roulette’, ‘Shot Through The Heart’ (1984), ‘Always Run To You‘ oder ‘The Hardest Part Is the Night’ (1985) liefern den besten Beweis dafür.
Zur angesprochenen Ehrlichkeit wie auch der charmanten Naivität: die Lyrics („Oh, she’s a little runaway – Daddy’s girl learned fast – All those things he couldn’t say“ oder „Breakout, Breakout – Take these chains from me – You held my heart for ransom – Set it free“) schreibt sicher kein routinierter Songwriter, sondern ein 21-Jähriger, bei dem Musik aus dem Herzen kommt und bei dem der kommerzielle Aspekt (noch nicht) im Vordergrund steht.
Auch jenseits des angesprochenen ‚Runaway‘ mit seinem prägnanten Keyboard-Intro und Gitarrensolo sind mit dem stampfenden Double ‚Roulette‘ / ‚Breakout‘ und vor allem mit der alles überragenden Hymne ‚Shot Through The Heart‘ mindestens 3 weitere Hochkaräter vertreten. Insbesondere das durch Jack Ponti mitverfasste ‚Shot Through The Heart‘ kann es mit den späteren Highlights wie ‚Living On A Prayer‘ oder ‚You Give A Love Bad Name‘ aufnehmen.
Dass nicht nur gerockt wird, sondern auch mal ruhigere Töne – jedoch ohne Kitsch – angeschlagen werden, wird beim hochmelodischen ‚Love Lies‘ deutlich. Die hochklassige, treibende Coverversion ‚She Don’t Know Me‘ von DONNIE IRIS & THE CRUISERS ist allemal hörenswert. Die „übrigen“ 3 Songs (die rockigen ‚Burning For Love‘,‘ Come Back‘ und ‚Get Ready‘) sind auch viel zu gut, um als lose Lückenfüller wahrgenommen zu werden.
Aus technischer Perspektive lässt man wenig anbrennen – das handwerkliche Können der Beteiligten ist einwandfrei. Das Instrumentarium (A-Moll im 4/4-Takt), die tighten Powerchords, Slides (welche beispielsweise ‚Runaway‘ die zusätzliche Würze geben), Vibratos und Hammer/Pull-Offs sind charakteristisch für die Dekade. Im Gegensatz zu manchen Kollegen aus dieser Zeit wird es aber songdienlich eingesetzt.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht nur vor allem Sambora (damals mit dem Kramer-Sound präsent) und David Bryan (stark unterschätzt) als Musiker glänzen. Auch der Unterstützung der befreundeten Studioasse wie beispielsweise Roy Bittan (u.a. E-STREET BAND), Tim Pierce (u.a. RICK SPRINGFIELD, MICHAEL JACKSON) und Doug Katsaros (u.a. BALANCE, CHER), Chuck Burgi (BALANCE, MICHAEL BOLTON, RAINBOW) oder Hugh McDonald (der irgendwie von Anfang an bei BON JOVI war) verdankt das Album seine musikalische Klasse.
An der Albumentstehung ist insbesondere die Rolle des Mentors Aldo Nova hervorzuheben, der mit seinen Alben Aldo Nova und Subject zu jener Zeit große Hits gelandet hat. Die Verbindung zwischen Jon Bon Jovi und Aldo Nova bestand auch Jahre danach. Es kam hin und wieder zu weiteren Kooperationen zwischen den beiden, bespielweise auf dem sehr guten Blood On The Tracks von ALDO NOVA.
Das BON JOVI-Debüt stellt zudem eine Familienangelegenheit dar – die passende und sehr gelungene Produktion geht aufs Konto von Lance Quinn und Tony Bongiovi. Letzterer ist ein Cousin von Jon Bon Jovi und Soundengineer sowie Miteigentümer des legendären The Power Station Recording Studios, in dem das Album aufgenommen und produziert wurde.
Von der Qualität des BON JOVI-Debüts (Verkaufszahlen weltweit bis heute: über 3,5 Mio. Tonträger) wie auch von den Live-Qualitäten der Band waren etliche Großacts der damaligen Zeit ebenfalls angetan, unter anderem KISS und die SCORPIONS. Nicht ohne Grund supportete man die SCORPIONS auf der legendären Love At First Sting-Tour (US-Slot).
Zusammengefasst: Mit dem überragenden Debüt und dem würdigen Nachfolger 7800 Fahrenheit legten BON JOVI DEN Grundstein für eine erfolgreiche Karriere. Das Debüt wird heute leider oft auf den Hit ‚Runaway‘ reduziert und 7800 Fahrenheit gar komplett übersehen, was der Klasse der beiden Alben nicht gerecht wird – beide gehören in jede gut sortierte Musiksammlung.